Einleitung – ein ganz besonderes Kranichvideo, aber ich möchte euch nicht zu viel verraten. Viel Spaß beim Video genießen. Stephan Schulz erzählt uns im Folgenden Interview wie es möglich war solch ein einmaliges Video zu drehen und welche Emotionen es bei ihm ausgelöst hat. Ganz viele Emotionen löst es auch bei uns aus. Das kann ich garantieren. Also nun viel Spaß beim Schauen und Lesen des Artikels! Schreibt gerne einen Kommentar unter den Artikel!

Kurzbeschreibung wer Sie sind und was Sie machen?

Ich heiße Stephan Schulz, bin 28 Jahre alt und gelernter Fachwirt für Versicherungen und Finanzen. Ich habe mich vor drei Jahren dazu entschieden, dass ich nicht mein ganzes Berufsleben im Büro verbringen möchte und habe daher aus meiner schon vorhandenen Leidenschaft zur Natur eine Leidenschaft für den Naturfilm gemacht. Als die Ergebnisse immer besser wurden, habe ich meine Vollzeitstelle in der Versicherungsbranche vor anderthalb Jahren in eine Teilzeitstelle umgewandelt und ein Gewerbe als Naturfilmer angemeldet. Auch wenn ich mir anfangs unsicher war, weiß ich heute, dass ich diese beiden vollkommen unterschiedlichen Bereiche kombinieren kann. 

 

Welches Tier videografieren Sie am Liebsten und war der Tiermoment des Lebens?

Am liebsten filme ich alles, was jagt und schnell ist. Solche Motive geben einem einfach viel künstlerischen Spielraum. Das können Greifvögel, aber auch Schwalben sein. Zum Beispiel die Flussseeschwalbe mag ich sehr, da sie so einen unvorhersehbaren Flugstil hat und es so unfassbar herausfordernd ist, sie in einer guten Qualität zu filmen.

Mein größter Tiermoment war das Schlüpfen eines Kranichkükens. Ausgerechnet die stürmischste Nacht im Jahr 2018 mit schwerem Hagelgewitter habe ich in meinem Tarnzelt am Kranichnest verbracht. Am Vorabend guckte immer mal wieder der Schnabel aus dem Ei und am nächsten Morgen erhob sich dann nach langem Warten die Mutter und zeigte ihr frisch geschlüpftes Küken, das am ganzen Körper zitterte. Dass eine Sekunde davor auch noch Vater Kranich durch das Bild flog, hat die Szene umso schöner gemacht. Es war bei weitem nicht meine technisch anspruchsvollste Aufnahme, aber es war die mit großem Abstand emotionalste Szene, die ich bisher filmen konnte. Nie zuvor und nie wieder danach sind mir beim Filmen die Tränen aus den Augen gelaufen. Daher war das ohne Frage der Tiermoment meines Lebens.

 

Mit welcher Fotoausrüstung (Kamera und Objektiv) und Bildeinstellung (Belichtungszeit, Blende, ISO, KB Brennweite) entstand das Bild/Video?

Aus einem Tarnzelt heraus mit meiner Panasonic Lumix GH5S und dem 100-400mm Panasonic Leica Teleobjektiv. Die Kamera war auf einem iFootage Wild Bull T7 Stativ mit einem Manfrotto 501 Videoneiger befestigt. Den Ton habe ich mit zwei Sennheiser MKE 600 und einem Mikrofonadapter für High-Resolution-Sound aufgenommen.

 

Zu welcher Uhrzeit und Datum entstand das Bild?

Ca. 9 Uhr morgens am 11.05.2018.

 

Wo entstand das Bild?

In der Nähe des Müritz Nationalparks in Mecklenburg-Vorpommern.

 

Welches Tier und welche Tätigkeit des Tieres ist zu sehen?

Die Kranich Mutter saß während der gesamten stürmischen Nacht über ihrem Nachwuchs. Erst ca. 4 Stunden nach Sonnenaufgang erhob sie sich zum ersten Mal, als gerade der Partner von der Futtersuche zurückkam. Das linke Kranichküken erblickte in dem Moment zum ersten Mal das Licht der Welt, während das recht Küken bereits einen Tag zuvor auf die Welt kam.

 

Woher wussten Sie das dieses Tier sich an diesem Ort aufhält?

Ich habe einen Tipp von einem vor Ort arbeitenden Ranger bekommen.

 

Wie war der Moment vorbereitet oder passierte es spontan?

Nachdem ein Loch in ein Gebüsch geschnitten wurde, haben wir dort mein Tarnzelt aufgestellt. Die Szene war länger vorbereitet und nicht spontan.

 

Was fasziniert Sie besonders am Tier?

Dafür, dass Kraniche so große Vögel sind, haben sie ein unfassbares Feingefühl im Umgang mit Ihrem Nachwuchs. Da wird das kleinste Insekt mit dem Schnabel servierfertig für die Küken zurechtgelegt und wenn das Küken die Nahrung versehentlich wieder fallen lässt, wird es von den Eltern aufgesucht und wieder angeboten. Diese Fürsorge fand ich für einen solch großen Vogel einfach faszinierend. 

 

Warum war dieser Tiermoment so emotional ?

Weil in einem Moment so unfassbar viele Emotionen frei wurden. Es steckte einfach so viel Aufwand in der Szene und ich musste viele Widrigkeiten umgehen. Alles nur mit dem Ziel, die ersten Sekunden zu dokumentieren, in denen das Küken das Licht der Welt erblickt. Irgendwann kamen Zweifel auf, da mein Vorrat an Akkus zuneige ging und auch die Powerbank nichts mehr hergab. Ich musste die Kamera also auch öfter ausschalten, um Akku zu sparen. Das hatte zur Folge, dass ich stundenlang wachsam sein musste, um den Moment nicht zu verpassen, wenn der Kranich aufsteht. Als es dann tatsächlich geklappt hat, war das ein Mix aus purer Erleichterung, grenzenloser Freude und der Faszination für dieses kleine Naturschauspiel. Dadurch, dass man diese ganzen positiven Emotionen aber in dem Moment zurückhalten muss, waren die Tränen die einzig mögliche Reaktion. Allerdings passiert es mir auch heute noch, dass mir beim Zurückdenken an diesen Moment die Tränen kommen. Es war einfach ein unfassbar emotionales Ereignis.

 

Was ist der wichtigste Tipp den perfekten Tiermoment zu erleben?

Ich denke, dass Geduld der beste Ratschlag ist, den man geben kann. Man kann immer mal Zufallstreffer landen, aber die schönsten Momente habe ich dann erlebt, wenn ich mir einfach ein paar Stunden Zeit genommen und mich (möglichst gut getarnt) in die Natur gesetzt habe. Dann ist es keine Frage mehr, OB der perfekte Tiermoment kommt, sondern WANN er kommt.

 

Wer ist ihr Vorbild für Naturfilme?

Ich habe kein wirkliches Vorbild, sondern versuche einfach meinen eigenen Stil zu finden. Ich denke, dass das auch sinnvoll ist, da die Möglichkeiten von den potentiellen Vorbildern im Naturfilmbereich eben auch ganz andere sind. Als kleiner Einzelkämpfer mit geringem Budget sollte man sich auf das konzentrieren, was die eigenen Mittel hergeben. Beim Einstieg in den Naturfilm hat mir allerdings der YouTube-Kanal von Stephan Ottow sehr geholfen. Er erklärt sehr gut, worauf es im Tierfilm ankommt und ich fand es einfach interessant, wie er mit geringen Mitteln TV-reife Aufnahmen produzieren konnte. Auch wenn ich mich am Ende für eine größtenteils andere Ausrüstung entschieden habe, waren seine Videos auf jeden Fall sehr hilfreich und inspirierend für mich.

 

Was fasziniert Sie an der Natur?

Die Unberechenbarkeit, die jeden Tag zu einem komplett anderen machen kann. Auch das Zusammenspiel und der gegenseitige Einfluss einzelner Tierarten aufeinander. Keine Tierart ist für sich allein, sondern jede interagiert auf irgendeine Art und Weise mit der anderen. Kurios finde ich, dass die Natur auch uns als Teilnehmer dieses Zusammenspiels sieht, aber wir uns nur all zu selten eingeladen fühlen, weil wir uns aus dieser Welt immer weiter herausentwickelt haben. 

 

Durch was verdienen Sie als Tierfotograf Geld oder ist es Hobby?

Ich habe den Naturfilm in den letzten drei Jahren Jahren vom Hobby zu meinem Nebenberuf gemacht und kann bereits heute so gut davon leben, dass ich nur noch drei Tage als Angestellter arbeite. Meine hauptsächlichen Einnahmen kommen aus dem Verkauf von Aufnahmen. Die Kunden sind TV-Sender, Produktionsfirmen, Videoplattformen oder auch Jagdsimulatoren. Eine weitere zukünftige Einnahmequelle ist für mich die Partnerschaft mit einem Nationalpark. Insgesamt habe ich die Erfahrung gemacht, dass sich immer wieder neue kleine Märkte öffnen, mit denen man zuvor gar nicht gerechnet hat. Für mich ist das jedoch alles nur Bonus. Ich würde auch weiter Naturfilme machen, wenn ich damit keinen einzigen Cent verdienen würde.

 

Wenn wir in die Zukunft schauen wie sehen Sie den Zustand der Natur in 30 Jahren bei uns in Deutschland?

Das hängt einzig und allein von uns Menschen ab. Die Natur kann zwar auf viele Dinge eigene Antworten geben und sich anpassen, aber in den letzten Jahrzehnten ist der menschliche Eingriff in diese natürlichen Prozesse so extrem geworden, dass nur noch wir selbst über den Zustand der Natur entscheiden können. Und wir haben da zwei völlig gegensätzliche Ausgangssituationen: Während es aktuell für Insekten und viele von ihnen abhängigen Vogelarten desaströs aussieht, gibt es auch viele Tierarten, bei denen die Zukunftsaussichten sehr positiv aussehen. Vorwiegend Prädatoren wie Seeadler, Wolf oder Fischotter. Aus diesen beiden Situationen heraus stellt sich vor allem die Frage, ob wir zu einer kleinteiligeren Landwirtschaft zurückfinden und so den vielen gefährdeten Insekten und Vogelarten eine Zukunft geben können? Brauchen wir wirklich 98% Nutzwälder in Deutschland? Können wir endlich ein neues ökologisches Weltbild aufbauen, dass den Wert der Tiere und Pflanzen nicht nach ihrem Nutzen für uns Menschen beziffert? Sind wir bereit, mit großen Prädatoren zusammenzuleben und sie aus einer sachlichen und vorurteilsfreien Perspektive zu sehen? Wenn wir diese und noch einige weitere Fragen in Zukunft richtig beantworten, dann bin ich eigentlich optimistisch, dass der Zustand der Natur in 30 Jahren zumindest stabilisiert werden kann.

 

Danke an Stephan Schulz, mehr von ihm unter https://www.youtube.com/channel/UCtA-_Y27fgq-gOLquPNO85A/featured?view_as=subscriber oder http://www.stephan-schulz-naturfilm.de.

 

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